Das Kerngeschäft vieler unserer Mitgliedsfirmen liegt in der Kinoauswertung deutscher und europäischer Filme. Wir begrüßen daher grundsätzlich die Diskussion über die zukünftige Ausgestaltung der europäischen Förderprogramme im audiovisuellen Bereich. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, dass bewährte Strukturen nicht geschwächt werden und neue Förderbereiche nicht zulasten der bestehenden audiovisuellen Förderinstrumente gehen. Aus unserer Sicht gehört zu den bewährten Strukturen insbesondere die zentrale Rolle des Verleihs und des Kinos in der Auswertung europäischer Filme.
Das Kino ist weiterhin der Ort, an dem europäische Filme ihre öffentliche Wahrnehmung und ihre kulturelle Bedeutung entfalten. Für unabhängige Filmverleiher bildet die Kinoauswertung den Ausgangspunkt der gesamten Verwertungskette. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass ein Film sowohl sein wirtschaftliches als auch sein kulturelles Potential nur dann voll entfalten kann, wenn er zuvor im Kino sichtbar war.
Daher profitieren auch die digitalen Auswertungsformen in einem Kernmarkt wie Deutschland – etwa auf Video-on-Demand-Plattformen – in der Regel erheblich von einer erfolgreichen Kinoauswertung. Filme, die zuvor erfolgreich im Kino waren, erreichen auf digitalen Plattformen deutlich größere Reichweiten und erzielen bessere Ergebnisse. Die digitale Auswertung ist ein wichtiger Bestandteil der heutigen Verwertungskette, ersetzt aber die Rolle des Kinos nicht.
Insbesondere Filmverleiher spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Produktion, Kino und Publikum und tragen maßgeblich dazu bei, dass europäische Filme über ihre Herkunftsländer hinaus überhaupt erst sichtbar werden. Gerade bei Filmen aus kleineren Produktionsländern oder in weniger verbreiteten Sprachen ist diese Arbeit entscheidend. Der Verleih kennt seinen lokalen Markt und übernimmt in der Herausbringung erhebliche wirtschaftliche Risiken: Er investiert in Marketing, Synchronisation, Untertitelung und Kampagnenarbeit, um europäische Filme erfolgreich im Markt zu positionieren. Dabei fließen natürlich auch immer mehr Instrumente wie Audience Development, KI und digitales Marketing in die tägliche Arbeit der Verleiher ein.
Darüber hinaus leisten Filmverleiher durch ihre kuratorische Auswahl und Vermittlung europäischer Filme einen wichtigen Beitrag zur kulturellen und gesellschaftlichen Selbstverständigung in Europa. Gerade in einer Zeit, in der die europäische Gemeinschaft sowohl von innen als auch von außen unter Druck gerät, kommt dieser identitätsbildenden Arbeit eine besondere Bedeutung zu.
Die bisherigen Maßnahmen des Programms Creative Europe MEDIA haben hier wichtige Impulse gesetzt. Insbesondere die Förderung des grenzüberschreitenden Verleihs und die Unterstützung von Kinonetzwerken haben dazu beigetragen, die Sichtbarkeit europäischer Filme signifikant zu erhöhen und ein Publikum jenseits der nationalen Märkte zu erreichen. Diese Instrumente haben sich in der Praxis bewährt und sollten auch im zukünftigen MEDIA+-Programm eine zentrale Rolle spielen.
Gleichzeitig beobachten wir mit Sorge, dass in der aktuellen Diskussion um die zukünftige Ausgestaltung der Förderprogramme digitale Auswertungsformen zunehmend in den Vordergrund gestellt werden. Digitale Distribution ist selbstverständlich ein integraler Bestandteil der heutigen Filmwirtschaft, doch sollte sie keinesfalls isoliert betrachtet werden. Ohne eine starke Kinoauswertung bleibt die digitale Sichtbarkeit vieler europäischer Filme begrenzt.
Hinzu kommt, dass die europäische Förderpolitik im digitalen Bereich bislang stark fragmentiert ist. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Programme zur Förderung digitaler Innovation oder neuer Plattformmodelle aufgelegt. Diese Programme sind zwar hoch budgetiert, jedoch häufig kleinteilig strukturiert und auf einzelne und oft nationale Projekte beschränkt. Aus unserer Sicht hat diese Herangehensweise bislang nicht dazu geführt, dass ein europäisches digitales Gegengewicht zu den wenigen global dominierenden Plattformen entstehen konnte.
Für uns Filmverleiher ist daher entscheidend, dass Fördermittel dort eingesetzt werden, wo sie konkrete Wirkung entfalten können – insbesondere bei der Produktion, Distribution und Sichtbarkeit europäischer Filme. Vor diesem Hintergrund halten wir es für entscheidend, dass das zukünftige MEDIA+-Programm weiterhin einen klaren Schwerpunkt auf die Kinodistribution legt. Dazu gehört eine Stärkung der bestehenden Förderinstrumente für Filmverleiher ebenso wie die konsequente Unterstützung europäischer Kinonetzwerke wie Europa Cinemas und Maßnahmen zur Publikumsentwicklung. Gerade die internationale Vermarktung europäischer Filme erfordert weiterhin gezielte Unterstützung, da sie für die Verleiher mit erheblichen wirtschaftlichen Risiken verbunden ist.
Ebenso entscheidend für die Funktionsfähigkeit der europäischen Filmwirtschaft ist der Erhalt des Territorialprinzips bei der Auswertung audiovisueller Werke. Die Möglichkeit, Filmrechte territorial zu lizenzieren und auszuwerten, bildet die wirtschaftliche Grundlage für die Tätigkeit unabhängiger Filmverleiher in Europa. Geoblocking ist dabei kein Handelshemmnis, sondern ein notwendiger Bestandteil dieses Systems, das es ermöglicht, Filme in unterschiedlichen Märkten gezielt zu finanzieren, zu vermarkten und auszuwerten. Eine Aufhebung oder Schwächung dieses Prinzips würde die bestehenden Finanzierungs- und Vertriebsstrukturen grundlegend untergraben. Davon profitieren würden vor allem global agierende Konzerne und große Tech-Plattformen, während unabhängige Verleiher und nationale Kinomärkte erheblich geschwächt würden. Für eine vielfältige europäische Filmwirtschaft ist es daher unerlässlich, das Territorialprinzip und die Möglichkeit territorialer Lizenzierung auch künftig zu gewährleisten.
Das Kino bleibt der Ort, an dem europäische Filme ihre größte kulturelle Wirkung entfalten und ein Publikum erreichen, das über nationale Grenzen hinausgeht. Eine europäische Förderpolitik, die diese Rolle anerkennt und stärkt, trägt wesentlich dazu bei, die Vielfalt und Sichtbarkeit des europäischen Films auch in Zukunft zu sichern.
Wir sehen daher im zukünftigen MEDIA+-Programm eine wichtige Chance, die erfolgreichen Instrumente des bisherigen MEDIA-Programms fortzuführen und gezielt weiterzuentwickeln.
Zusammengefasst die zentralen Punkte unserer Stellungnahme
• Stärkung der Kinodistribution:
Die Kinoauswertung bleibt der entscheidende Ausgangspunkt für die wirtschaftliche und kulturelle Wirkung europäischer Filme.
• Anerkennung der Rolle des Filmverleihs:
Verleiher sind zentrale Akteure für die grenzüberschreitende Sichtbarkeit europäischer Filme und tragen erhebliche wirtschaftliche Risiken bei der Herausbringung europäischer Werke.
• Digitale Auswertung als Ergänzung, nicht als Ersatz:
Digitale Verwertung ist ein wichtiger Bestandteil der heutigen Auswertungskette, baut in der Praxis jedoch häufig auf einer erfolgreichen Kinoauswertung auf.
• Fokus der Förderung auf wirkungsvolle Maßnahmen:
Fördermittel sollten prioritär in Produktion, Distribution, Marketing und Publikumsentwicklung europäischer Filme investiert werden.
• Kritische Überprüfung digitaler Förderprogramme:
Die bislang stark fragmentierte Förderung im digitalen Bereich hat kein europäisches Gegengewicht zu den wenigen global dominierenden Plattformen geschaffen.
• Erhalt bewährter MEDIA-Instrumente:
Programme zur Verleihförderung, internationale Vermarktung europäischer Filme sowie die Unterstützung europäischer Kinonetzwerke sollten im MEDIA+-Programm weiter gestärkt werden.
• Schutz des Territorialprinzips und von Geoblocking:
Territoriale Lizenzierung ist die wirtschaftliche Grundlage unabhängiger Filmverleiher. Eine Aufhebung dieses Systems würde vor allem globalen Plattformen nutzen und die Vielfalt der europäischen Filmwirtschaft gefährden.
Peter Schauerte, AllScreens & Björn Hoffmann, AG Verleih